k
o
m
m
e
n
t
a
r
|
I D E E
|
T H E A T E R
|
K U R S E
|
|
|
H Ö R B U C H / C D
|
S T A T I O N E N
|
A K T U E L L E S
|
K O N T A K T E
|
,, Ich bin ein Chamäleon der Realität
|
aus einem Interview der Zeitung C I T Y
von Iris Metzger mit Manfred M. Bender :
Der Name Manfred M. Bender steht in Pforzheims Kulturszene für EIGENWILLIGKEIT. Das ist doch der da oben mit dem Theatersaal neben seinem Wohnzimmer. So oder so ähnlich wird über dich gemunkelt.
Wer nichts weiß, redet viel.
Und wer ist dieser Bender wirklich?
Einer, der auszog, das Fürchten zu lernen.
Hat er es gelernt?
Ja.
Das klingt nach viel unangenehmer Erfahrung.
Zum Fürchten eben. Es war nicht leicht. Außerdem war ich nie ein Glücksritter, sondern ein Arbeiter.
Dein Arbeitsfeld ist das Theater. Gerade dort, denkt man an Askalun, bist du doch nicht ohne Fortune.
Wenn du das so sehen willst, gut. Ich sehe die Entwicklung des Jugendtheaters Askalun als Arbeitsergebnis.
Du bist Schauspieler. Spielst du selbst nicht mehr?
Zugunsten der Aufbauarbeit Askaluns habe ich meine Existenz unversehens ziemlich vernachlässigt, aber ersatzweise konnte ich meine Idee von Theater unangefochten verwirklichen.
Waren die Bedingungen am Theater andere?
Unser heutiges Theater ist zu einer Institution degeneriert: es wird verwaltet, da, wo gestaltet werden sollte.
Wie bewältigst du dieses Problem, Herr im eigenen Haus einerseits, Weisungsgebundener andernorts zu sein?
Der Schauspieler ist immer frei. Klar dafür muß er kämpfen. Früher bereitete mir das heftige Schwierigkeiten. Ich hatte immer ein starkes Empfinden davon, was richtig ist, vermochte es aber nicht durchzusetzen, weil es mir aus dem Dunkel noch nicht ausdrucksklar auf die Zunge gereift war. Heute ist das anders. Früher kompensierte ich dieses Dilemma, indem ich gastweise arbeitete und die Schwierigkeiten nur temporär zu ertragen hatte.
In Pforzheim hast du es immerhin zwei Jahre am Theater ausgehalten.
Ja, ja - das war einmal; ich war mehr zäh als gescheit ...
Seit über 15 Jahren lebst du hier. Wie siehst du die Pforzheimer Theaterlandschaft?
Ich sehe keine.
Es gibt das Osterfeld, die Stadthalle, das Stadttheater . . .
Nicht wo was gemacht wird, entscheidet darüber, was Theater ist, sondern wie es gemacht wird. Die Sprachwurzel des Begriffs Theater liegt im Griechischen und beschreibt die Innenschau, die Schau auf das Wesentliche. Der Ort, wo das geschehen soll, ist das Theater. Sag selbst, vollzieht sich dieser Vorgang an den drei von Dir genannten Lokalitäten, oder beschränken sie sich auf Produktion respektive Einkauf Verkauf. Kunst wird aber nicht konsumiert, bestenfalls assimiliert. Warum konnte das Schillertheater in Berlin - ehemals der Olymp deutscher Schauspieler eliminiert werden: doch weil es zu einer Produktionsstätte verkommen war, dessen Produkt keinen Markt fand. Waren die Theaterleute nicht selber schuld? Schuster bleib bei deinem Leisten. Kommerz vor künstlicher Intention dörrt ein Theater aus.
Wird Theater heute noch gebraucht?
Theater muß sein - Theater wird sein - oder braucht man, mit Hamlet, keinen Spiegel mehr? Vor 150 Jahren schwätzte ein schwäbischer Abgeordneter: mir brauchet kei Kunscht, mir brauchet Grombeere. Was tat er eigentlich, nachdem er gesättigt war, gerülpst, gefurzt und geschissen hatte - ? Nun, was mag er wohl getan haben ...? Erstaunlich: dieses Zitat grassiert bis heute. Hat sich das Bewußtsein nicht erweitert?
Was hältst du vom Engagement des Amateurtheaters Bretthupferl?
Apropos Engagement: die stille Präsenz des Puppenspielers in Brötzingen gefällt mir, sehr belebend.
Findet das Amateurtheater auch deine Zustimmung?
Je mehr Impulse eine Stadt hervorbringt, umso lebendiger wird sie.
Betrachtest du die Bretthupferl als Konkurrenz?
Konkurrenz kann nur zwischen Gleichen auftreten. Ich achte jede Ambition hinsichtlich Theater, unterscheide aber streng.
Wie meinst du das?
Homo ludens, der Mensch, das spielende Wesen, es spielt eben. Theater aber ist eine Profession, ein Handwerk; gegründet auf der natürlichen Neigung zu spielen, aber gerichtet auf einen höher geordneten Zweck. Theater als Selbstzweck langweilt mich.
Und was ist Askalun:
Schwer zu definieren. Nehmen wir die die Gerechten von Camus. Nicht weil neun tolle Rollen in diesem Stück enthalten sind, die das Gelüst der Schauspieler befriedigen, wurde es gewählt, sondern sein gedanklicher Konflikt, der nach wie vor von aktueller Brisanz ist, bestimmte die Wahl. Wir verfolgen über das Medium Theater also einen Sinn, um dessentwillen wir ausschließlich spielen. Der reine Laienspieler sucht mit Theater den subjektiven Genuß, der Schauspieler verfolgt den Sinn darüber hinaus. Das ist der Unterschied. Meine Laienspieler stehen somit auf der Schwelle des Professionellen; dessen Haus betreten sie nur deshalb nicht, weil sie ihre materielle Existenz nicht in diesem Beruf suchen.
Die Askaluner sind also weder Laien noch Profis?
Fatal! Klingt nach Verwilderung. Wie verstünde ich dies: zu gleicher Zeit beides? Wie gesagt: schwer zu definieren !
Was bedeutet für Dich Kunst?
Kunst ist geistiges Bestreben, UNSAGbares - bezogen auf Theater - , auf andere Kunstgattungen bezogen müßte man sagen UNSICHTbares - sinnlich erfahrbar zu machen.
Sehr theoretisch, kannst du das vielleicht an einem Beispiel konkretisieren?
Schau, es ist keine Kunst, einen Baum zu malen, oder zwei; es ist aber durchaus Kunst, Wald zu malen, also das nicht Sichtbare zwischen den Bäumen. Das zu vermögen bedarf es der ganzen Feinstofflichkeit menschlichen Geistes und nur sekundär der Handhabung realer Dinge oder Vorgänge wie Pinsel, Farbe, Leinwand, Geschick etc. Das ist unser Anteil schöpferisch zu existieren innerhalb der Schöpfung. Und: es ist ein uns innewohnendes Bedürfnis. Du siehst: deshalb wird es Theater u.a. immer geben. Theater muß es immer geben, damit wir auf dieser Seinsebene ebenso ernährt sind wie in den Zellen durch die Kartoffel.
Findest du in Pforzheim die entsprechende Resonanz?
Nein.
Wie erklärst du dir das.
Man ist überwiegend materiell ausgerichtet. Reichtum macht träg. Dieser Stadt mangelt die Idee eines wirklichen Miteinanders.
Was hält dich in Pforzheim?
Ich habe versäumt unserem Theater vier Räder anzubauen.
Siehst du's wirklich so humorvoll.
Humor bewahrt mich vor Amok.
Bist du manchmal zornig?
Drei Monate lang schuften 9 Leute und 8 schauen sich das rechtschaffene Ergebnis an. Zorn - oder was? Aber dann besucht uns als einsamer Einziger unter den Repräsentanten der Stadt Dr. Walter Witzenmann. Nun, daraufhin lösen sich unwesentliche Aufregungen einfach auf.
Bist du ein Optimist?
Wer lebt, fließt. Ich bin ein Chamäleon der Realität. Man hält mich zwar für einen Träumer, einen Spinner, aber sind nicht die Träumer die wirklichen Realisten? Ja, ich bin auch Optimist.
Worauf gründet sich diese Unerschütterlichkeit?
Auf Überzeugung. Jede Beschränktheit ist überwindbar und sei es letztlich durch die Zeit selbst. Unvermerkt wird man sich eines Tages freuen, daß es Askalun gibt.
. . .
April '95
|
,,